Peter Eggenberger

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Im Kurzenberg, wo "braat" gesprochen wird:

Ist wirklich der Riese vom Säntis schuld?

Im Kurzenberg "schwätzen" die Leute "braat": Der meist langgezogene Vokal "a" fällt den andern Appenzellern und natürlich Auswärtigen sofort auf: Maatle statt Määtle oder Meedle, braat statt bräät, Gaasse uf de Waad statt Gäässe uf de Wääd. Warum diese Breite in der Sprache? Ist es der ungehinderte Fernblick weit über den Bodensee und das Rheintal hinaus? Oder ist es wirklich der Riese vom Säntis, der den Kurzenbergern vor Urzeiten ihre ganz spezielle Sprache gebracht hat?

In meinem Buch "Läse ond lache" (Appenzeller Verlag) ist in der Geschichte "De Riis us em Toggeburg" nachzulesen, wie der Riese seine Wanderung beim Wildhauser Schafberg begann. Sein über die Schultern geworfener Sack enthielt Häuser, Tiere und auch Menschen. Auf dem Säntisgipfel verursachte eine scharfe Felskante einen Riss, und fast bei jedem Schritt purzelte nun ein Teil des Inhalts aus dem Sack.
So entstanden nicht nur im oberen Toggenburg, sondern auch im Hinterland, in Innerrhoden und im Mittelland erste Siedlungen. In jeder Region kommentierte der Riese lauthals seine Befindlichkeit und speziell den Zustand seiner Beine. War da von Bää (mit verschiedenen ä-Schattierungen des Appenzeller Hinter- und Mittellandes) und Bee (Innerrhoden) die Rede, so wurde die Sprache im östlichen Appenzellerland, im Kurzenberg, breiter oder eben "braat". "Ah, mini Baa, etz sönds liecht, beidi zwaa." hörte man ihn in Wolfhalden rufen, und wie bereits in den anderen Bezirken und in Innerrhoden übernahmen die Leute augenblicklich die Sprache des gutmütigen Riesen, der sich zwischen Wolfhalden und Walzenhausen zur Ruhe legte.
Dort, wo er den Kopf auf die Erde bettete, heisst es noch heute "oberes Riis", und die Füsse lagen im Weiler "unteres Riis". Und weil die vom Riesen gebrachten Leutchen kurz gewachsen waren und sich am Berg häuslich einrichteten, erhielt die Gegend rund um Wolfhalden den Namen Kurzenberg. Und ihre Sprache wurde Kurzenberger Dialekt genannt.

Von der Sage zur Wahrheit

Eine schöne, aber kaum wahre Geschichte. Besiedelt wurde der Kurzenberg vom Rheintal und östlichen Bodensee her. Mit den Siedlern kam auch die noch heute im Tal gesprochene Sprache mit dem breiten Vokal a, dem kehligen Konsonanten k und verschiedenen anderen Merkmalen (Kuchi statt Chochi) ins Appenzeller Vorderland. Aber Achtung, noch lange nicht das ganze Vorderland ist kurzenbergisch: Historisch umfasst der Kurzenberg das Gebiet der bis 1652 nach Thal SG kirchgenössigen Gemeinden Wolfhalden, Heiden und Lutzenberg/Wienacht.

Wegen der engen sprachlichen Verwandtschaft wird häufig auch der Vorderländer Hirschberg mit Walzenhausen, Reute und Oberegg (ohne obere Rhode) zum Kurzenberg gezählt. Hier sprechen sie "braat" wie im Rheintal, aber auch wie in alt St. Gallen, in gewissen Regionen des Thurgaus und des Kantons Schaffhausen. Wie in "Schlaate" (Schleitheim SH) "schlaapft" auch der Kurzenberger "e Zaane voll Saapfe d'Laatere duerab."

Exklusiv: Bahngeleise als Sprachgrenze

Politisch gehört Heiden zum Kurzenberg. Mit der kirchlichen Eigenständigkeit ab 1652 und wenig später auch der politischen begann sich der Vorderländer Bezirkshauptort aber vermehrt gegen das innere Appenzellerland, gegen Trogen, zu orientieren. Damit verlor die Kurzenberger Sprache an Territorium, und nur unterhalb des beim Bahnhof Heiden die Strasse in Richtung Thal SG querenden Geleises vermochte sich das Kurzenbergische zu behaupten.

Leider vom Aussterben bedroht

Stärker als die anderen Appenzeller Dialekte ist das Kurzenbergische vom Aussterben bedroht. Der Gründe sind viele, und noch heute gibt es Leute, die sich ihrer breiten Muttersprache schämen. Schon vor 1914 schärften vermögende Walzenhauser Stickereifabrikanten ihren Töchtern ein, bei Besuchen von Exportherren in St. Gallen "Meitle" und "Geissen" und keinesfalls "Maatle" und "Gaasse" zu sagen. Es brauche niemand zu wissen, dass es zu Hause eben trotz einer gewissen Hablichkeit "afach" zu und her gehe und mit einer kleinen, die Stickerei ergänzenden Landwirtschaft Selbstversorgung betrieben werde. Noch aber ist der Kurzenberger Dialekt nicht verschwunden, und wer weiss, vielleicht erlebt die "braate" Sprache mit der vermehrten Rückbesinnung auf heimatliche Wurzeln eine Renaissance.

(Peter Eggenbergers Bücher und die CDs mit vergnüglichen Geschichten im Kurzenberger Dialekt sind in Eggenbergers Shop, aber auch im Appenzeller Verlag und im Buchhandel erhältlich)

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